Wolfgang Dick: alles muss raus

Prof. Dr. Nils Büttner im Katalog zur Ausstellung 2014

Wo kommt die Kunst her, wo fängt sie an und wo hört sie auf? Keine Frage, der Künstler ist ihr Urheber. Deshalb steht am Beginn der reflektierenden Beschäftigung mit moderner Kunst so gerne die Frage: was hat sich der Künstler wohl dabei gedacht? Die Frage ist nicht verkehrt. Es gibt ja eh keine falschen Fragen. Oft greift sie aber viel zu kurz. Dann nämlich, wenn der Künstler sich gedacht hat, dass der Betrachter denken soll.

Aber muss man denn immer gleich denken? Sicher nicht. Vor dem Denken stehen das Sehen und Erleben. Man betritt den Ausstellungsraum, schaut und wird eingeladen, sich auf das Gesehene einzulassen. Bringt man diese Bereitschaft mit, werden durch das Hinschauen Gefühle geweckt. Sie sind da und bestimmen, was überhaupt in den Fokus der Aufmerksamkeit gerät. Doch transportieren Kunstwerke stets auch etwas, was ganz aus ihnen zu kommen scheint.

Was man als Betrachter sieht, fühlt, ahnt oder versteht, hängt immer auch von dem ab, was man selbst gesehen oder gefühlt hat. Vieles davon, so subjektiv und individuell gefühlt es sein mag, sind vielfach geteilte Erfahrungen, An- und Einsichten. Sie machen es möglich, dass Künstler durch das von ihnen Hervorbrachte in ihrem Publikum etwas ganz Bestimmtes zum Klingen bringen. Dem Künstler mag im Prozess des Schaffens sein Publikum egal sein, muss es vielleicht sogar. Anders ist das, wo Kunst gezeigt wird. Man muss das Kuratieren nicht zur Kunst erklären und wird dennoch kaum der Einsicht entkommen, dass Kunst durch die Form ihrer Präsentation gewinnen oder verlieren kann. Das gilt zumal, wo es um Bilder geht. Denn Bilder können durch ihren Kontext gestärkt, getragen oder vernichtet werden. Bilder können einander kommentieren, bereichern oder überflüssig machen. Es ist deshalb nur konsequent, wenn jemand, der Kunst macht, diese auch zeigt und im besten Falle auch die Form ihrer Präsentation kritisch begleitet. Selbstverständlich ist es dennoch nicht.

Für Wolfgang Dick sind Kunst machen und Kunst zeigen untrennbar miteinander verbunden und doch zwei Seiten einer Medaille. So erklärt es sich auch, dass er immer Kunst zeigte und doch 23 Jahre wartete, bis er nun auch seine eigenen Werke wieder ausstellt. Zwischen 1980 und 1985 hat er an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart Freie Grafik und Kunsterziehung studiert. Parallel zu seinem Studium bei Peter Grau, Sotirios Michou und Rudolf Schoofs absolvierte er dabei ein kunstwissenschaftliches Studium an der Universität Stuttgart. Nach Abschluss der Lehramtsausbildung arbeitet Wolfgang Dick als Grafikdesigner. Von 1979 bis 1989 war er als Kunstbeiratsmitglied in Kirchheim für das Ausstellungsprogramm der Städtischen Galerie im Kornhaus mitverantwortlich.
Die künstlerische Tätigkeit entwickelt sich parallel zu Kommunikationsdesign und kontinuierlicher kuratorischer Arbeit. Seit 1979 ist er auch mit der Kunstsammlerin und Mäzenin Doris Nöth befreundet, die er seit vielen Jahren beratend begleitet. Von 1990 bis 1992 führten beide die Galerie Nöth. Auch in der Begleitung der Übergabe der Sammlung Nöth an die Stadt Ehingen war Wolfgang Dick im besten Sinne als Kunstvermittler tätig.

Das Ausstellen von Kunst und die eigene künstlerische Produktion sind für Wolfgang Dick ebenso miteinander verbunden wie seine Kunst stets mit seiner Biographie verknüpft ist, ohne deshalb biographisch zu sein. Fühlen, Machen und Denken sind nicht miteinander identisch aber im Schaffensprozess untrennbar miteinander verknüpft. Zum affektiven Akt des Malens und Machens tritt bei Dick die reflektierende Distanznahme und ein nachdenklicher Blick auf das Geschaffene. Diese kritische Sichtung des eigenen Tuns ist zwingende Voraussetzung einer Kunst, die jemanden oder etwas erreichen will. Dicks Bilder sind nicht didaktisch und doch sollen sie spürbar etwas vermitteln. Das erweist sich besonders deutlich im Spiel mit den ikonographischen Traditionen der abendländischen Kunst. Dick setzt sich mit den traditionellen Themen der christlichen Bildkunst auseinander, die er auf ihre überzeitliche Gültigkeit befragt. Er referiert aber auch auf die dezidiert antiklassische Kunst des frühen 20. Jahrhunderts, wenn er sich zum Beispiel mit Marcel Duchamps Schokoladenmühle auseinandersetzt. „Die moderne Malerei findet nicht statt“ heißt es zum Beispiel auf einem 1987 in Mischtechnik ausgeführten Bild, in dem das berühmte Motiv aus dem Jahr 1914 zitiert wird. Die Textzeile erläutert die Darstellung nicht, sondern umreißt einen Deutungsrahmen, der den Betrachter zum Nachdenken auffordert und ihm die Interpretation überlässt.

Genauso funktioniert auch der von Wolfgang Dick gestaltete Katalog, der vom Anspruch getragen ist, Denkprozesse anzustoßen. Das beginnt schon mit dem Einband, auf dessen Titel und Rücken dezent der marktschreierische Titel der Ausstellung zu lesen ist. Nicht in werbend blockhafter Typographie, sondern in Rücksicht auf das bildliche Motiv an den Rand gerückt. Es wird erst zum Bild, wenn man das aufgeschlagene Buch mit dem Rücken nach oben auf den Tisch legt. Das soll man eigentlich nicht tun, weil dadurch die Bindung leidet. Aber nur dann wird es sichtbar, das weit aufgerissene Maul mit den gelblichen Zähnen, ein Ausschnitt aus Dicks Kreuzigungsfries. In Kombination mit dem typographischen Titel lässt es sofort an die schreiende Werbebotschaft denken. Zugleich entspricht es aber auch einem sprachlichen Bild, das der Maler und Kunstschriftsteller Karel van Mander 1604 erfand, um die Unmittelbarkeit der Landschaftsbilder Pieter Bruegels d.Ä. und deren Wirkung auf den Betrachter zu charakterisieren. Man sage von Bruegel, schrieb van Mander, „er habe, als er in den Alpen war, all die Berge und Felsen verschluckt und sie, nach Hause zurückgekehrt, auf Leinwände und Malbretter wieder ausgespien, so nahe vermochte er in dieser und anderer Beziehung der Natur zu kommen.“ Die Wahrheit dieser Bilder verdankte sich einer Genauigkeit des Hinsehens, die eine Bildwirkung zur Folge hatte, deren Unmittelbarkeit van Mander in das abstoßend körperhafte Bild des Verschlingens und wieder Ausspeiens fasste.

Für Wolfgang Dick liefert weniger die den Menschen umgebende Natur das Material seiner Werke, als jene eindringlichen Bilder der Kunst und der Medien, die zum kollektiven Bilderfundus gehören. Zu diesem Musée imaginaire gehören nicht nur die Bilder der Kunst sondern auch jene des medialen Alltags und der populären Kultur. Wo Jean Arp auf Mickymaus und Hans Bellmers Puppen trifft wird das Bild ganz von selbst zu einem Kommentar der medialen Kindheit. Es wäre dabei aber zu wenig, die Bilder Dicks auf ihre Motive reduzieren zu wollen. Denn nicht nur die Motive sind einem Prozess des Reflektierens unterworfen, sondern auch die stets bewusst gewählten bildnerischen Mittel. Die Form und Materialität eines Bildes werden, als dessen medienspezifischer Inhalt, genauso in den Prozess des Bedenkens und Reflektierens einbezogen. Und doch wirkt es nicht so, als seien die Bilder in ihr Sosein gezwungen worden. Die innere Notwendigkeit, die der Gestaltung zugrunde liegt, bleibt soweit unter der Oberfläche, dass sie auch ohne viel Nachdenkens selbstverständlich wirken und für den, der sich auf sie einlässt, zum Spiegel werden können.

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