gewalt macht lust

Eröffnungsrede Dr. Katrin Burtschell, Städtische Galerie Ehingen, 12.12.2014

Die Comicfigur Fritz the Cat, ein arbeitsscheuer, sex- und drogensüchtiger Kater, wurde 1959 von Robert Crumb als Ikone des Anti-Establishments geschaffen und ist hier in dieser Ausstellung nur einer von Wolfgang Dicks hintersinnigen Bildgegenständen, die überraschen und buchstäblich aus dem Rahmen fallen.
„Crumb-Malewitsch the „Fritz“-Cat et le carré noir“, lautet der Titel dieser Arbeit, womit Wolfgang Dick einen ungeheuerlichen Spagat schafft und ein Jahrhundert bahnbrechender Kunstgeschichte auf einer Fläche von 48 x 38 cm bannt: das von Kriegswirren und Faschismus gezeichnete 20. Jahrhundert, die vielschichtige Geburtsstunde der Moderne, der Weg vom Gegenständlichen zur Abstraktion über das Universelle bis hin zur unangepassten Comic-Kunst eines Robert Crumb.

Durch die Zahnlücke der Katze blitzt das kunsthistorische Zitat auf, das schwarze Quadrat Malewitschs. Doch der Titel „The Fritz Cat“ – als The Fritz wurden die Deutschen von den amerikanischen und englischen Alliierten bezeichnet – sowie die Handbewegung der Katze verdrängen für einen kurzen Moment die kunsthistorische Konnotation und machen einer anderen Bedeutung Platz: die Assoziation einer Hitlerpersiflage ist da, steht aber nicht im Vordergrund, denn diese Bedeutung wird sofort wieder relativiert durch das erneute Zitieren des schwarzen Quadrates im Hintergrund. Und über allem, über dem Wortspiel, dem Zitieren und den Assoziationen liegt die eigene Handschrift Wolfgang Dicks, sein Suchen nach der perfekten Form.

Ungeheuerlich dieser Wolfgang Dick, da bringt er ein Jahrhundert Kunst- und Zeitgeschichte auf die einfache Formel eines unangepassten Katers und demonstriert gleichzeitig, dass er ein Meister der Form ist. Dem ist nichts mehr hinzuzufügen, Punkt. Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

„The Fritz Cat“ – der Außenseiter des Establishments und genau genommen auch dieser Ausstellung stellt nur eine Facette in einem facettenreichen Gesamtwerk dar, auf das ich nun aber doch auch noch zu sprechen kommen möchte. Wohlgemerkt Werke aus dreißig Jahren künstlerischer „Nebentätigkeit“, denn der Künstler Wolfgang Dick tritt meistens in den Hintergrund, hinter den Graphik-Designer, den Kurator, den Kunstsachverständigen. Dabei wird er geleitet von einem sicheren Gespür für Kunst und Form und größere Zusammenhänge, was sich wiederum in seiner eigenen Kunst manifestiert.

Das künstlerische Zitat steht bei ihm an erster Stelle, das Schöpfen aus einem enormen Pool bildnerischer Aussagen und Positionen der Menschheit von ihrem Anbeginn, wie sie sich in den Tierbildern widerspiegeln bis hin zur Gegenwart, mit Bildern wie jene des arabischen Frühlings. Das Aufspüren und Kombinieren von Ikonen der Frühzeit, der Renaissance, der Moderne, von Logos und Slogans der Werbe- und Fernsehwelt, der menschlichen Kulturgeschichte per se, bildet seine Arbeitsgrundlage.

Und Wolfgang Dick wäre nicht Wolfgang Dick, wenn nicht hinter jedem Bildtitel und jedem Bildgegenstand eine tiefgründige Auseinandersetzung mit Kunst, mit Geschichte, mit aktuellem Zeitgeschehen, mit den oftmals nicht nachzuvollziehenden Greultaten menschlicher Machtwillkür und Intoleranz im Vordergrund stehen würde.

Gewalt Macht Lust
Oder vielleicht doch eher:
Gewalt macht Lust
Aufzählung oder Satz?

Diese Frage stellt der Künstler in den Raum ohne die Absicht sie zu beantworten, das soll der Betrachter tun. Wolfgang Dick versteht diesen provozierenden Ausstellungstitel als Möglichkeit, den gewohnten Blickwinkel auf die Exponate zu verschieben und die Fragen, welche die Werke im Kontext dieses Titels aufwerfen, zuzulassen.
Gleichzeitig entlarvt uns dieser Titel den Künstler, als feinsinnigen, wortgewandten Beobachter, als humorvollen Grübler, als sensiblen und kritischen Zweifler, der um die ungeheure Ästhetik und paradoxerweise manchmal auch Schönheit der Abgründe des Menschen weiß. Der Titel „gewalt macht lust“ soll aber keinesfalls als thematische Begrenzung für diese inhaltlich abwechslungsreiche Ausstellung verstanden werden.

Es ist nicht so, dass wir hier etwas zu sehen bekommen, was wir sonst nicht zu sehen bekämen oder wahrnehmen würden. Im Gegenteil, wir sind medial überfrachtet mit Bildern, auch mit Bildern des Grauens. Ein Bild erreicht uns hundertmal, tausendmal, man denke nur an die einstürzenden Türme der Twin Towers des World Trade Centers 2001, oder aber an das Bild einer jungen amerikanischen Soldatin, die einen wehr- und machtlos am Boden Liegenden demütigend an einer Hundeleine hält.
Lynndie England, die kleine unbedeutende Lynndie England, folgte sie in diesem Moment einem unkontrollierten Impuls oder einem Befehl? An keinem Bild der Ausstellung kann man die Bedeutung der Wortkette „gewalt macht lust“ besser festmachen, sie verweist auf Verletzung, auf Täter und Opfer, auf Triebhaftes aber auch auf eine obsessive Verknüpfung der drei Begriffe, die ihnen eine bedrohliche Dimension verleiht.

Wolfgang Dick enthebt die Geschehnisse ihrer Zeit, macht sie zeitlos, gleichwohl zu Formeln, die sich universell auf das Unmenschliche im Menschen und das Leiden anwenden lassen.
In der Form des Frieses, des Diptychon, des Triptychons, der Predella, aber auch im Einzelbild, nähert er sich Themen, deren ernüchternde Grausamkeit oft jenseits dessen liegt, was für uns vorstellbar ist. Und so präsentiert er sie uns auch, nicht nach Mitleid oder Sensation heischend, sondern nüchtern, die Form beherrscht den Inhalt und verursacht beim Betrachter keine Empathie, kein Mitleid, sondern regt dazu an, das Gesehene in einem größeren Zusammenhang zu reflektieren. Und hier macht sich auch die langjährige Erfahrung des Künstlers als Kurator bemerkbar.

Indem er die Passion Christi mit seinem Bildzyklus Passio in den Mittelpunkt rückt und alles andere drum herum gruppiert, etabliert er eine zeitlose Bezugnahme auf die erste, die bekannteste, in Bildern festgehaltene Darstellung von Folter und Hinrichtung, die nichts Glorifizierendes, Machtverherrlichendes hat, sondern das Leiden auf der einen Seite, das Leiden lassen auf der anderen Seite in den Mittelpunkt rückt.

Der Ursprung von Wolfgang Dicks „Passio“ liegt 1985 in einer kunstgeschichtlichen Auseinandersetzung mit dem Isenheimer Altar von Grünewald begründet.
Matthias Grünewald hat mit diesem bemerkenswerten Altar, ein Kunstwerk expressiver Zeitlosigkeit, eine Metapher für das Leiden geschaffen. Sein Christus ist nicht der erhabene Sohn Gottes, der bleich aber ansonsten makellos sein Ende abwartet. Nein, es ist der geschundene Christus, der Schmerzensmann.
Seit der Romanik stellt man den gekreuzigten Jesus dar, als einen über den Tod triumphierenden, makellosen. Dies ändert sich in der Gotik, die Christus oft als geschundene Kreatur zeigt. Grünewalds Christus ist dabei die eindrücklichste Umsetzung des geschundenen Christus und das zu einer Zeit wohlgemerkt, da die Makellosigkeit und Idealisierung des menschlichen Körpers mit der Renaissance einen zweiten Höhepunkt nach der Antike erreicht hatte.
In einem anderen Bild Wolfgang Dicks begegnet uns verdeckt vom Michelinmännchen das Idealbild des Menschen, der vitruvianische Mensch, wie er 1490 von Leonardo da Vinci gezeichnet wurde. Grünewalds geschundener mit Wundmalen übersäter Christus entstand 1506. Dies nur als kleiner kunsthistorischer Exkurs hin zu dem, was im Übergang vom 15. zum 16. Jahrhundert von der Gotik zur Renaissance, nördlich und südlich der Alpen, zeitgleich entstehen konnte. Denn auch das ist diese Ausstellung, eine kleine Reise durch die europäische Kunstgeschichte.

Seinen ganzen Ausdruck von Schmerz und Verzweiflung legte Grünewald in die Hände seines Christus, die übergroß alle Verzweiflung und den Todeskampf zum Ausdruck bringen. Das Motiv der Hände, den Ausdruck der Verzweiflung, den stummen Schrei nimmt Wolfgang Dick auf und isoliert sie in seinem Kreuzigungsfries oder der Nelkenpieta. Grünewalds gemarteter Christus aus dem Isenheimer Altar ist die Inspiration, er regt an zum Zitat, doch in der Umsetzung beschreitet Wolfgang Dick ganz andere Wege, ja er macht diesen Christus zum Icon, zum Logo als das Synonym einer christlichen Gesellschaft für Leiden, für Ungerechtigkeit und selbst die Machtlosigkeit Gottes vor menschlicher Machtwillkür.

Mit der Passio hingegen beginnt Wolfgang Dick zu experimentieren. Er schweißt die ursprünglichen bemalten Kartons in einer rötlich-wässrigen Lösung in Plastikbeutel ein und setzt dadurch einen Prozess in Gang, der sich seinem Einfluss entzieht. Eine Veränderung findet statt durch die Schimmelbildung der Pappen, durch die organischen Farbpigmente und eingearbeiteten Rosenblütenblätter. In einem weiteren Arbeitsschritt übermalt der Künstler die Folien mit Silberfarbe. Das Gegenständliche reduziert sich auf Zeichen. Und erst in der Gegenüberstellung von ursprünglichem Motiv und aktuellem Resultat eröffnet sich dem Betrachter die Bedeutung der reduzierten Form. Das Ziel der Arbeit wechselt vom Nachvollziehen zu einer Neuinterpretation des Themas Kreuzweg: als Gleichnis für Neubewertung und Veränderung zentraler christlicher Glaubensmotive, wie wir sie heute vermehrt erfahren.

In die Wortkette „gewalt macht lust“, reiht sich auch das zentrale Thema der Ausstellung, die ganz aktuell entstandenen Stierkampfbilder, die inspiriert durch einen Aufenthalt in Südfrankreich und Spanien, erst in diesem Herbst entstanden sind. Im ersten Moment glaubt man sich sicher zu sein, dass hier der Ausstellungstitel seine Legitimation als Satz erfährt: macht Gewalt Lust? Aber ist das wirklich die Frage, die hier gestellt werden soll?
Es ist nicht Wolfgang Dicks Anliegen, über Sinn und Unsinn von Stierkämpfen zu reflektieren noch sich für ein Pro oder Contra zu positionieren. Dies tut er übrigens in keinem seiner Bilder, die Gewalt zum Thema haben. Er zeigt, er fragt, aber er verurteilt nicht. Der Stierkampf, dieses heute höchst umstrittene und in Frage gestellte spanische Kulturgut, wird sowohl bei den künstlerischen Vorbildern Goya und Picasso, als auch beim zitierenden Wolfgang Dick zu einem Sinnbild, das vom Leben und Sterben der Kreatur handelt. Er erzählt von der artistischen Überlegenheit des Einzelnen gegenüber den wütenden Kräften der Natur. Und wieder stellt der Künstler hier die ganze Palette seines Könnens unter Beweis in Form des künstlerischen Zitats, dabei gelingt es ihm mittels dieser Stierkampfbilder einen Bogen zu spannen von Goya zu Picasso, vom innenpolitisch zerrütteten Spanien des ausgehenden 18. Jahrhunderts bis zum vom Bürgerkrieg gebeutelten Spanien des 20. Jahrhunderts. Wolfgang Dick vereint die Formensprache der beiden Künstler, leitet ohne Mühe von Goyas Tauromachie zu Picassos schroffen Zeichenstrich und abstrahierender Flächigkeit über und stellt dabei ganz nebenbei sein eigenes zeichnerisches Talent unter Beweis.

Sowohl Goya als auch Picasso waren leidenschaftliche Anhänger des Stierkampfes. Goyas Stierkampfbilder sind unmittelbar nach dem Ende des napoleonischen Kriegs entstanden und zeugen von Goyas Stolz auf seine spanische Identität. Der Stier steht hier für den französischen Feind, während der Stierkämpfer das spanische Volk bzw. seine Anführer im Guerillakampf vertritt. Ähnlich verhält es sich bei Picasso, auch seine Stierkampfbilder sind Ausdruck seiner politischen Haltung als überzeugter Anhänger der Republik und Gegner des Franco-Regimes.

Die Faszination für den Stierkampf liegt bei Wolfgang Dick darin, dass im Rund der Arena Choreographie und Ästhetik auf Tod und Gewalt stoßen. Diese Gegenüberstellung fordert ihn als Künstler heraus, genauso wie die sich schnell verändernden Machtpositionen innerhalb des Kampfes zu zeigen. Wer gewinnt die Überhand, wer ist der Herr in der Arena? Dabei wirken seine Zeichnungen wie kurze Momentaufnahmen, fast schon fotografisch, als würde die Zeit für einen kurzen Moment stehen bleiben. Die euphorische Stimmung der Arena, das ästhetische Spektakel aus bunten Farben, gleißendem Sonnenlicht und tiefrotem Blut auf gelbem Sand ersetzt er durch schwarz und pastos aufgetragenes Weiß, durch das Braun des Bildträgers Karton und lenkt somit die Aufmerksamkeit auf den Kampf zwischen Mensch und Tier. Um den Stierkampf zu verstehen, muss man ihn in seiner ganzen kulturhistorischen Bedeutung sehen, die zurück geht zu den frühen Höhlenmalereien und dem kretischen Minoskult, worin es immer um die ehrfürchtige Verehrung des Tieres, aber auch um das Überleben und die Machtdemonstration des Menschen geht. In diesem Zusammenhang antwortet dieser zuletzt entstandene Zyklus auf eine Werkserie Wolfgang Dicks, die ihren Ursprung in den 80er Jahren nahm, die Tierbilder. Mit dem direkt am Eingang gezeigten Werk Urpenetration und denen im letzten Saal gezeigten Tierbildern und dem Tierversuchfries bilden sie eine Klammer um die Arbeiten aus 30 Jahren.

Große Künstlernamen sind in den letzten Minuten gefallen, Leonardo Da Vinci, Grünewald, Goya, Picasso und diese Reihe lässt sich mit den anderen Arbeiten Wolfgang Dicks mühelos fortsetzen, Duchamp, Malewitsch, Bourgeoise, Crumb.
Sie alle verbindet etwas, alle waren sie unbequem, unangepasst, auch anarchistisch genau wie der hier: Fritz the Cat.
Alle haben sie nach neuen Wegen und Lösungen gesucht, sich nicht mit dem zufrieden gegeben was die großen Akademien oder Lehrmeister ihnen aufzwingen wollten. So gilt Grünewald als der erste Expressionist, Goya als der erste Impressionist, so ist Picasso das Synonym für das 20. Jahrhundert schlechthin, Duchamp war derjenige, dem nichts heilig war, und Malewitsch spuckte auf die klassische Kunst.

Die antiklassische Kunst des frühen 20. Jahrhunderts steht bei Wolfgang Dick im Mittelpunkt. Er sammelt, zitiert und kombiniert alles neu und baut damit auf dem Wiedererkennungseffekt auf. Unsere Welterfahrung ist es letztendlich, die seine Bilder interpretiert. Durch die Schaffung neuer, mitunter ungewohnter Bezüge öffnet er Möglichkeiten für eigenes Weiterdenken. Ein Spielfeld voller Anstöße tut sich für den Betrachter auf, mitunter auch ein sehr anstößiges Spielfeld, denn immer wieder thematisiert der Künstler auch das Geschlechtliche, die Lust. Themen wie Pornographie und Masturbation. Denn auch sie sind immer wieder fester Bestandteil der Werke der Moderne – wahrscheinlich fühlt sich der hier: Fritz The Cat deshalb so wohl in diesem Umfeld.
Duchamp verband mit seiner Schokoladenmühle nicht nur seine stilistische Loslösung vom Kubismus, sondern auch eine auto-erotische Dimension als Sinnbild der Onanie. Die von Wolfgang Dick angebrachte Textzeile „Die moderne Malerei findet nicht statt“ erläutert die Darstellung nicht, sondern umreißt einen Deutungsrahmen, der den Betrachter zum Nachdenken auffordert und ihm die Interpretation überlässt.
Was die Bombe im Arm des Michelinmännchens darstellen könnte, bleibt letztendlich der Phantasie des Betrachters vorbehalten, wie schon gesagt: Wolfgang Dick liefert hier nur Anstöße.

In der großen Themenfülle, die er uns präsentiert, ist dem Künstler vor allem eines wichtig: die Form. Manche Bilder hat er im Laufe der Zeit immer wieder überarbeitet, auf der Suche nach der reinen Form, wovon am eindrücklichsten sein Werk Maroc zeugt, das sich zwischen Eigenwert von Form und Farbe, zwischen Abstraktion und Konstruktion bewegt. Farbe wird bei ihm immer als Form eingesetzt. Die Farbwirkung widerspricht, neutralisiert oder verstärkt den Inhalt.

Wie die breite Spanne von Maroc, über das Michelinmännchen bis hin zur Hommage an Goyas Tauromachie zeigt, ist Wolfgang Dick ein Künstler, der sich nicht festlegen lässt. Der weiterhin aus der großen Kunstgeschichte, dem „Gedächtnis der Menschheit“ zitieren wird, um daraus Neues entstehen zu lassen, bzw. damit zu spielen, denn wie Kurt Schwitters sagte: »Ein Spiel mit ernsten Problemen. Das ist Kunst.«
 Fritz The Cat raunt mir aber gerade zu, dass es jetzt reicht, er hat Durst.

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