Vita und Texte zum Werk

Wolfgang Dick

1961 geboren in Kirchheim unter Teck

1980–85 Studium der Freien Grafik und Kunsterziehung an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart bei Peter Grau, Sotirios Michou und Rudolf Schoofs
sowie Kunstwissenschaftsstudium an der Universität Stuttgart

seit 1979 kuratorische Tätigkeit für die Städtische Galerie im Kornhaus in Kirchheim unter Teck (bis 1989) und in der Sammlung Doris Nöth in Kirchheim unter Teck und Ehingen (Donau), von 1990 bis 1992 gemeinsame Galeriearbeit mit der Sammlerin in der Galerie Doris Nöth

seit 1989 Tätigkeit als Grafikdesigner

lebt und arbeitet in Dettingen unter Teck und Hochdorf


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TEXTE ZUM WERK
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Wolfgang Dick „gewalt macht lust“ · Dr. Katrin Burtschell · Rede zur Ausstellungseröffnung in Ehingen (Donau) · 12.Dezember 2014

Die Comicfigur Fritz the Cat, ein arbeitsscheuer, sex- und drogensüchtiger Kater, wurde 1959 von Robert Crumb als Ikone des Anti-Establishments geschaffen und ist hier in dieser Ausstellung nur einer von Wolfgang Dicks hintersinnigen Bildgegenständen, die überraschen und buchstäblich aus dem Rahmen fallen.
„Crumb-Malewitsch the „Fritz“-Cat et le carré noir“, lautet der Titel dieser Arbeit, womit Wolfgang Dick einen ungeheuerlichen Spagat schafft und ein Jahrhundert bahnbrechender Kunstgeschichte auf einer Fläche von 48 x 38 cm bannt: das von Kriegswirren und Faschismus gezeichnete 20. Jahrhundert, die vielschichtige Geburtsstunde der Moderne, der Weg vom Gegenständlichen zur Abstraktion über das Universelle bis hin zur unangepassten Comic-Kunst eines Robert Crumb. mehr...

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Wolfgang Dick: alles muss raus · Prof. Dr. Nils Büttner im Katalog zur Ausstellung · 12. Oktober 2014

Wo kommt die Kunst her, wo fängt sie an und wo hört sie auf? Keine Frage, der Künstler ist ihr Urheber. Deshalb steht am Beginn der reflektierenden Beschäftigung mit moderner Kunst so gerne die Frage: was hat sich der Künstler wohl dabei gedacht? Die Frage ist nicht verkehrt. Es gibt ja eh keine falschen Fragen. Oft greift sie aber viel zu kurz. Dann nämlich, wenn der Künstler sich gedacht hat, dass der Betrachter denken soll. mehr...

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Passio
Mischtechnik auf Karton
in Gefrierbeuteln mit Farblösungen,
1987 übermalt mit Silberlack
1984/1987 · je 28 x 25 cm

Wilhelm Keller, Bad Urach,
über die "Passio" von Wolfgang Dick


„Der Satz ‘Kunst ist Darstellung‘ bedeutet, dass Kunst uns etwas sichtbar oder hörbar macht, was wir ohne sie weder sehen noch hören noch überhaupt entdecken können.“ (aus: „Kunst und Mythos“ von Georg Picht) Die Leidensgeschichte Jesu Christi hat vielen Künstler/innen Anstoß gegeben, ihre Interpretationen zu diesem Geschehen wiederzugeben. Dabei wird in der Malerei etwas sichtbar, was wir oft mit Worten nicht sagen können und was über das bloße Verstehen hinausgeht. Die Kunst eröffnet uns eine weitere Dimension von Erfahrungen und Begegnungen mit der Passion Jesu.
Die Kreuzwegbilder von Wolfgang Dick sind nicht einfach und nur schwer zugänglich, sie wollen nicht einfach nur „gefallen“, sie provozieren Widerspruch, suchen aber auch Zustimmung. Sie möchten zum Nachdenken und Weiterdenken anregen, gerade durch die Überarbeitung der ursprünglichen Bilder. Mit dem Abdecken und Verhüllen des Bildes will der Künstler ganz bewusst unseren Blick auf eine Sache konzentrieren, sich auf das Wesentliche beschränken, keine Nebensächlichkeiten zulassen.
Diese Ausdrucksweise der modernen Kunst, die neue Wege in der Formgestaltung geht, wird uns zunächst einmal befremden. Doch die moderne Kunst will unsere heutige Wirklichkeit, die alles andere als heil und „unvergänglich“ ist, in ihren Bildern widerspiegeln. Darum möchte ich zum Schluss noch einmal den Philosophen Georg Picht zitieren: „In diesem Sinne nenne ich ein Werk modern, wenn es die Erschütterung unserer geschichtlichen Welt in ihrer ganzen Tiefe manifestiert.“

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Wolfgang Dick
über "Passio"


Der Ursprung der „Passio“ liegt 1985 in einer kunstgeschichtlichen Auseinandersetzung mit dem Isenheimer Altar von Grünewald begründet. Sein expressiv gesteigerter malerischer Ausdruck in Verbindung mit komplexen Glaubensinhalten war Anlass für die erste Fassung von Passio. Als Malgrund dienten alte Kartons, zum Teil Feldpostkartons. Das Ziel der Arbeit wechselte vom Nachvollziehen zu einer Neuinterpretation des Themas Kreuzweg: als Gleichnis für die Entwertung, Umwertung bzw. Neubewertung und Veränderung zentraler christlicher Glaubensmotive, wie wir sie heute vermehrt erfahren. Die Kartons wurden in rötlich-wässriger Lösung in Plastikbeutel eingeschweißt. Sie veränderten sich unter Schimmelbildung der Pappen, der organischen Farbpigmente und eingearbeiteter Rosenblütenblätter. Abseits der ursprünglichen Bildinhalte entstand eine eigenständige sehr materielle Verfallsästhetik. Von der einstigen Bildform blieben nur Fragmente. In einem weiteren Arbeitsschritt wurden die Folien 1987 mit Silberfarbe übermalt. Wesentliche Bereiche wurden ausgespart. Das Gegenständliche reduzierte sich auf Zeichen in einer Umgebung immaterieller Lichtbrechungen und Reflexe auf der feinen, verletzlich anmutenden Silberhaut. Ihre Vollendung erfuhr die Arbeit 1998/99 in der Gegenüberstellung von Aufnahmen der Ursprungsfassungen mit den Folienübermalungen. Die Aufnahme der Erstfassung der „Grablegung“ ist verschollen.